Algen und Ernährung: Mehr als nur Sushi
Wie schmeckt die Zukunft? Und wie lässt sie sich erfahrbar machen?
30.03.2026
Im Mittelpunkt der Veranstaltung stand die nachhaltige Kultivierung von Makro- und Mikroalgen fernab der Küste - ein Ansatz, den das Projekt SolKubiM (Solebasierte Kultivierungssysteme für binnenländische Makro- und Mikroalgen) erforscht. Gleichzeitig wurde deutlich, dass für die Verankerung neuer Lebensmittel im Alltag auch Design, Wissenschaftskommunikation und praktische Erfahrung eine zentrale Rolle spielen.
Ein besonderer Vorteil des Standorts Bad Saarow liegt in der natürlichen Thermalsole der Catharinenquelle. Sie bietet geeignete Bedingungen, um Meeresalgen auch im Binnenland zu kultivieren. Erste Ergebnisse aus dem Projekt zeigen, dass Makroalgen wie Ulva compressa in der Bad Saarower Sole erfolgreich wachsen können und dabei zugleich interessante Inhaltsstoffe ausbilden.
So erläuterten Frau Dr. Fricke und Frau Denisova im Rahmen der Veranstaltung, dass die kultivierte Biomasse unter anderem durch wertvolle Ballaststoffe, Proteine, Mineralstoffe und Carotinoide interessant ist. Gleichzeitig bietet der Standort die Möglichkeit, Algenproduktion in bestehende Infrastrukturen zu integrieren und damit neue Formen regionaler Wertschöpfung zu erschließen.
Ernährungssysteme neu denken
SolKubiM knüpft an Fragestellungen an, die im Forschungsprojekt food4future seit Jahren entwickelt werden. Dabei geht es um die Frage, wie Ernährungssysteme angesichts von Ressourcenknappheit, Flächenkonkurrenz und instabilen Lieferketten zukunftsfähig gestaltet werden können.
Wie food4future Projektmanagerin Jette Berend bei der Veranstaltung betonte, braucht es dafür ein grundsätzliches Umdenken: „Wir müssen Ernährungssysteme neu denken, damit auch in Zukunft alle Menschen satt werden.“
food4future erforscht dafür alternative Organismen wie Makroalgen, Halophyten, Insekten und Quallen – also Ressourcen, die wenig bis gar kein Frischwasser benötigen und perspektivisch auch in urbanen Räumen kultiviert werden können. Ziel ist es, krisenresiliente Ernährungssysteme mitzuentwickeln und neue Formen der Produktion näher an die Orte des Konsums zu bringen.
Forschung sichtbar und erfahrbar machen
Die Veranstaltung in Bad Saarow zeigte jedoch nicht nur wissenschaftliche Ergebnisse, sondern auch, wie wichtig ihre Vermittlung ist. Neue Lebensmittel setzen sich nicht allein durch ihre Inhaltsstoffe oder Produktionsvorteile durch. Sie müssen erlebt, verstanden und kulturell eingeordnet werden.
Genau an dieser Schnittstelle setzt auch food4future an. Das Projekt verfolgt den Anspruch, Forschung nicht nur im Labor zu betreiben, sondern sie in Reallaboren, Ausstellungen und Bildungsformaten zugänglich zu machen. Das Future Food Living Lab versteht sich als offener Begegnungsraum, in dem Wissenschaft, Studierende und Gesellschaft zusammenkommen. Hier werden Installationen, Exponate und digitale Anwendungen entwickelt, die neue Ernährungssysteme erfahrbar machen und zur Diskussion stellen.
Gestaltung als Brücke zwischen Wissenschaft und Alltag
Ein besonderer Bestandteil der Veranstaltung war die Ausstellung „Gestaltungskonzepte für Lebensmittel der Zukunft“, entwickelt von Studierenden des Studiengangs Industrial Design der HTW Berlin in Kooperation mit food4future.
Die ausgestellten Arbeiten zeigten, wie Gestaltung helfen kann, neue Lebensmittel und urbane Produktionsformen verständlich, zugänglich und alltagsnah zu machen. Im Fokus standen dabei Fragen wie: Wie könnten wir künftig kochen, kultivieren und essen? Welche Räume, Produkte und Anwendungen braucht es, um alternative Lebensmittel in den Alltag zu integrieren? Und wie lassen sich Hemmschwellen gegenüber bislang ungewohnten Zutaten abbauen?
Edgar Weiss, ein Studierender des Studiengangs Industrial Design, brachte den Kern der Zusammenarbeit prägnant auf den Punkt: „Wir hatten die Möglichkeit, zusammen mit food4future Wissenschaft und Design zu koppeln.“ Zu sehen waren unter anderem Konzepte für urbane Makroalgenkultivierungssysteme, interaktive Ausstellungsformate und Ideen für zukünftige Küchen- und Verkostungssituationen. Die Projekte machten deutlich, dass die Ernährung der Zukunft nicht nur eine technologische, sondern auch eine gestalterische und gesellschaftliche Aufgabe ist.
Algen zwischen Forschung und Anwendung
Auch das IHK-Ausbildungsprogramm „Algensommelier“ war Teil der Veranstaltung. Es vermittelte Wissen zu gesundheitlichen, regulatorischen und kulinarischen Aspekten von Algen und zeigte, wie breit das Thema bereits heute aufgestellt ist.
Dabei wurde deutlich, dass Algen längst nicht nur für Forschung und Spezialanwendungen relevant sind, sondern zunehmend auch für den Alltag. Kirstin Knufmann formulierte diesen Anspruch pointiert: „Wir versuchen das wirklich in den Mainstream reinzubringen, sodass es nicht mehr so freaky ist, sondern lecker.“
Die Verkostung verschiedener Algenprodukte war damit weit mehr als ein kulinarisches Begleitprogramm. Sie machte erfahrbar, wie sich neue Lebensmittel über Geschmack, Anwendung und positive Erlebnisse erschließen lassen.
Ein Ort für Zukunftsfragen
Die Veranstaltung in der SaarowTherme hat gezeigt, wie produktiv das Zusammenspiel von Forschung, Gestaltung, Wirtschaft und Öffentlichkeit sein kann. food4future und SolKuBim untersuchen nicht nur, wie Algen in solebasierten Systemen kultiviert werden können, sondern schaffen zugleich einen Raum, in dem über die Zukunft von Ernährung konkret nachgedacht und gesprochen werden kann.
Für food4future war insbesondere die Zusammenarbeit mit den HTW-Studierenden ein wichtiger Beitrag, um wissenschaftliche Fragestellungen in anschauliche und erfahrbare Formate zu übersetzen. So wurde Bad Saarow für einen Tag zu einem Ort, an dem Ernährung von morgen nicht abstrakt diskutiert, sondern bereits im Kleinen erprobt wurde.
Weiterführende Informationen:
- SolKuBim Projektseite: Algenproduktion in der Therme
- RBB-Fernsehbeitrag: Algen in der Therme Saarow
- Märkische Zeitung: Therme in Bad Saarow: Das steckt hinter den Algen im Thermalbad