Wissenschaft und Politik im Dialog
Agrar- und Ernährungssysteme global denken
02.06.2026
Das Dialogformat bringt wissenschaftliche Expertise und politische Praxis zusammen. Für food4future bot das Gespräch die Gelegenheit, aktuelle Forschungsansätze zur Ernährung der Zukunft vorzustellen und gemeinsam zu diskutieren, welche politischen, regulatorischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen für nachhaltige Innovationen notwendig sind.
Anna Aeikens befasst sich politisch unter anderem mit Fragen aus Landwirtschaft, Tierschutz, Heimat, nachhaltiger Entwicklung, neuen Züchtungsmethoden und Bodenmarkt. Im Gespräch wurde deutlich, dass sie die Transformation der Ernährungssysteme insbesondere im Zusammenhang mit Klimaneutralität und globaler Verantwortung betrachtet.
Ernährungssysteme global denken
Ein zentrales Anliegen von Anna Aeikens war die Frage, wie der Ernährungssektor zur Klimaneutralität beitragen kann. Dabei betonte sie, dass Deutschland agrar- und ernährungspolitische Herausforderungen häufig sehr national denke. Für eine wirksame Transformation brauche es jedoch Perspektiven, die globale Zusammenhänge stärker berücksichtigen.
Klimaneutralität allein in Deutschland reicht nicht aus, wenn Produktionsketten, Konsummuster und ökologische Folgen international verflochten sind. Der Ernährungsbereich spielt dabei eine entscheidende Rolle: Was, wie und wo produziert wird, hat Auswirkungen auf Ressourcenverbrauch, Flächennutzung, Emissionen und Ernährungssicherheit – in Deutschland ebenso wie weltweit.
food4future knüpft genau an dieser Schnittstelle an. Unter dem Leitgedanken „think regional, act global“ werden Ansätze erforscht, die lokale Produktion stärken und gleichzeitig globale Herausforderungen adressieren können.
Forschung für neue Produktionsformen
Im Gespräch wurden verschiedene Forschungsansätze aus food4future vorgestellt. Ein Schwerpunkt lag auf alternativen Agrar- und Ernährungssystemen, die Produktion und Konsum enger miteinander verbinden. Dazu zählen urbane Produktionssysteme, Indoor-Kultivierung und die Nutzung bislang wenig erschlossener Ressourcen wie Salzwasseralgen.
Ein Beispiel ist die Kultivierung von Salzwasseralgen im urbanen Raum. Ziel ist es, Lebensmittel dort zu produzieren, wo viele Menschen sie konsumieren und dabei Süßwasserressourcen zu schonen. Die Nutzung von Solewasser eröffnet hier besondere Potenziale, weil sie Produktionsformen ermöglicht, die nicht in direkter Konkurrenz zu klassischer Ackerfläche oder Frischwasserverbrauch stehen.
Solche Ansätze zeigen, dass nachhaltige Ernährungssysteme nicht nur auf dem Feld oder im Stall entstehen. Auch Städte, technische Infrastrukturen und alternative Kultivierungssysteme können Teil einer zukunftsfähigen Lebensmittelproduktion sein.
Produktion und Konsum zusammendenken
Ein wiederkehrendes Thema des Gesprächs war die Notwendigkeit, Produktion und Konsum gemeinsam zu betrachten. Neue Lebensmittel und Produktionsmethoden können wissenschaftlich vielversprechend sein – ihr Erfolg hängt jedoch maßgeblich davon ab, ob sie gesellschaftlich akzeptiert, regulatorisch ermöglicht und wirtschaftlich tragfähig sind.
Akzeptanzfragen spielen dabei eine zentrale Rolle. Lebensmittel sind eng mit Gewohnheiten, Kultur und Vertrauen verbunden. Neue Ansätze wie Algenprodukte, Insektenprotein, Quallen oder erdenlose Kultivierungssysteme müssen deshalb nicht nur erforscht, sondern auch verständlich kommuniziert und praktisch erfahrbar gemacht werden.
Gleichzeitig stellen regulatorische Hürden eine Herausforderung dar. Im Gespräch wurden unter anderem die EU-Novel-Food-Verordnung, das Tierschutzgesetz und Fragen rund um Bio-Zertifizierung angesprochen. Dabei wurde deutlich: Innovationen brauchen klare Regeln, aber auch ausreichend Spielräume, um nachhaltige Lösungen erproben und weiterentwickeln zu können.
Smart Herding zwischen Technologie, Markt und Tierschutz
Ein weiterer Diskussionspunkt war Smart Herding, also der Einsatz digitaler Systeme zur Lenkung von Weidetieren, beispielsweise über virtuelle Zäune. Solche Technologien könnten neue Möglichkeiten für Weidemanagement, Ressourcenschutz und Arbeitserleichterung bieten.
Im Gespräch ging es unter anderem darum, inwiefern solche Systeme in bestehende Transpondersysteme integriert werden können, welche Informationen über das Tier erfasst werden können und wie markttauglich diese Ansätze bereits sind. Der Markt für solche Anwendungen ist grundsätzlich vorhanden. Gleichzeitig bestehen regulatorische Hürden, insbesondere im Bereich Tierschutz.
Bei virtuellen Zaunsystemen lernen Tiere, auf akustische Signale zu reagieren. In bestimmten Fällen kann anschließend ein elektrischer Impuls folgen. Aus wissenschaftlicher Perspektive gibt es Hinweise darauf, dass Tiere solche Signale erlernen können. Rechtlich bleibt die Inverkehrbringung in Deutschland jedoch schwierig, da tierschutzrechtliche Fragen bislang nicht abschließend gelöst sind.
Dieses Beispiel zeigt exemplarisch, wie eng technologische Innovation, wissenschaftliche Evidenz, Tierwohl und gesetzliche Rahmenbedingungen miteinander verbunden sind.
Nachhaltigkeit jenseits etablierter Kategorien
Auch die Frage, wie Nachhaltigkeit bewertet und anerkannt wird, spielt eine wichtige Rolle. Diskutiert wurde unter anderem, dass bestehende Zertifizierungslogiken nicht immer zu neuen Produktionsformen passen. Ein Beispiel ist das Bio-Siegel, das stark an bodengebundene Pflanzenproduktion gekoppelt ist.
Erdenlose Kultivierungssysteme – etwa in kontrollierten Umgebungen oder aquatischen Produktionsformen – können jedoch ebenfalls nachhaltig sein. Sie können Ressourcen schonen, Kreisläufe schließen und Ökosystemleistungen erhalten.
Ökosystemleistungen stärker honorieren
Ein weiterer wichtiger Punkt war die Frage, wie Ökosystemleistungen künftig besser gesellschaftlich honoriert werden können. Viele nachhaltige Produktionsformen leisten Beiträge, die über das einzelne Produkt hinausgehen: Sie können Ressourcen sparen, Emissionen reduzieren, Biodiversität fördern oder Umweltbelastungen verringern.
Solche Leistungen werden bislang häufig nicht ausreichend wirtschaftlich abgebildet. Im Gespräch wurde deshalb auch diskutiert, ob Instrumente wie CO₂-Zertifikate oder andere Formen der Honorierung von Ökosystemleistungen dazu beitragen könnten, nachhaltige Ansätze stärker zu unterstützen.
Potenziale der Forschung nutzen
Das Gespräch mit Anna Aeikens machte deutlich, wie wichtig der Austausch zwischen Wissenschaft und Politik ist. Forschung kann zeigen, welche technologischen und ökologischen Potenziale für nachhaltige Ernährungssysteme bestehen. Politik kann dazu beitragen, geeignete Rahmenbedingungen zu schaffen, damit diese Potenziale verantwortungsvoll genutzt werden können.
Dabei geht es nicht darum, einzelne Lösungen vorschnell politisch aufzuladen. Vielmehr braucht es einen offenen, sachlichen und evidenzbasierten Dialog darüber, welche Chancen neue Technologien, alternative Lebensmittel und innovative Produktionssysteme bieten und welche Standards dabei gelten sollen. Denn der Markt für neue Lebensmittel und nachhaltige Produktionsformen entsteht bereits. Die entscheidende Frage ist, wer ihn gestaltet, unter welchen Produktionsstandards dies geschieht und wie wissenschaftliche Erkenntnisse dabei genutzt werden können.
Der Austausch im Rahmen von Leibniz im Bundestag hat hierfür wichtige Anknüpfungspunkte eröffnet. Er zeigte: Agrar- und Ernährungssysteme müssen global gedacht, lokal erprobt und politisch so begleitet werden, dass nachhaltige Innovationen ihren Weg in die Anwendung finden können.